Leseproben Laras Fall

Nachdem sie die halbvolle oder, in Laras Fall, halbleere Tasse auf der Spüle abgestellt und beschlossen hat, ihren Kaffee in Zukunft ohne Zucker zu trinken, nimmt sie ihre Handtasche und zieht die Haustür hinter sich zu. Für einen kurzen Moment verharrt sie auf der Türschwelle. Mit geschlossenen Augen atmet sie mehrmals langsam ein und aus und geht dann mit schnellen Schritten Richtung U-Bahn.

Nur knapp hat sie dem Drang widerstanden sich umzudrehen, um ihren Blick noch ein paar Sekunden gedankenverloren an der Schwelle kleben zu lassen. Sie weiß, sie würde ihre Bahn verpassen. Nur zu gut kennt Lara die Unbarmherzigkeiten des kalten Steins. An Tagen wie diesen ist sie sich jedoch nicht sicher, ob sie damit die Stufe oder die Schwere in ihrer linken Brust meint.

Der Weg zur U-Bahn gestaltet sich wie immer ereignisreich . Nachdem sie die erste Herausforderung des Tages - und ja, das Haus zu verlassen, wenn man eigentlich nur schlafen will, darf durchaus als beachtlicher Erfolg gewertet werden - hinter sich gebracht hat, verwendet sie nun ihre ganze Aufmerksamkeit auf das korrekte Begehen des Bürgersteiges. Man mag glauben, dabei nicht sonderlich viel falsch machen zu können, doch Lara weiß, schon ein kleiner Fehltritt kann Versagen bedeuten. Akribisch achtet sie darauf, ihre Füße nur auf intakte Gehwegplatten zu setzen und die Verbindungslinien dabei nicht zu betreten. Es ist kein Tick oder gar eine Zwangsstörung, sondern einfach eine gute Ablenkung, welche sie in den letzte Monaten entwickelt hat um sich den Weg zur Arbeit zu vereinfachen. So ist ihr Kopf vollkommen damit beschäftigt die selbstauferlegte Herausforderung korrekt und fehlerfrei durchzuführen, anstatt den Gedanken an die Flucht nach hinten weiterzuverfolgen.

Einmal an der Haltestelle angekommen beginnt das Fixieren der elektronischen Tafel, begleitet von der fortwährenden Frage, in welcher Zeitrechnung die angezeigten Minuten wirklich angeschlagen sind. Denn in Bahnsprache wird ‚eine Minute’ schon gern mal zu fünf oder ‚sofort’ zu zehn Minuten später. Eigentlich gar nicht so weit entfernt von Laras Wahrnehmung. Aber leider folgt die Welt, und in diesem Fall vor allem ihr Chef, einer Zeitvorgabe, die nur wenig mit der der U-Bahn zu tun hatte.

Als die gelben Waggons sich endlich zischend aus dem Tunnel schlängeln und langsam vor ihr zum Stehen kommen, zögert Lara einen kurzen Moment. Ein nervöser Blick zu beiden Seiten macht klar, dass sie heute wohl nicht darauf hoffen kann, einem anderen Fahrgast den Vortritt zu lassen und sich damit widerwillig überwinden muss den Türknopf selbst zu betätigen. Im Inneren des Wagons setzt sie sich schnell auf einen Platz direkt neben der Tür. Glücklicherweise ist die U-Bahn auf dieser Strecke nie überfüllt, was ihr jeden Tag eine relativ freie Sitzplatzwahl ermöglicht. Sofort beginnt sie ihre rechte Hand an ihrer schwarzen Hose zu reiben, in der Hoffnung loszuwerden, was-auch-immer sie an dem Türknopf an Keimen und Bakterien aufgelesen hat. Das beinahe rhythmische Brummen der rasenden U-Bahn, in Kombination mit den gleichmäßigen Bewegungen ihres Armes, lässt ihren Kopf für einige Zeit leicht werden. Ihre Gedanken entführen sie nach und nach auf eine Reise, die ganz und gar nicht mit der Fahrtrichtung übereinstimmt. Lara weiß, sie sollte nicht dorthin zurückgehen, aber zu schwach ist der Widerstand ihres Geistes in diesem kurzen Moment trister Großstadt-Monotonie.

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