Leseproben Laras Fall

-- Ein Tag: kurzlebig, unscheinbar, vergänglich. Nicht mehr als eine Streuung von Licht und Schatten. Ein Experiment der Naturwissenschaften. Immer wieder aufs Neue durch Monate und Jahre geteilt. Als eine vage Summe aus Stunden und Sekunden, ist er am Ende doch nur eine Anhäufung von Ereignissen. Wie ein Traum, unterbrochen von den kurzen wachen Momenten, in denen uns die Wirklichkeit ins Gesicht peitscht. --

Laras Fall

Der Kaffee schmeckt an diesem Morgen süßer als sonst. Und das, obwohl Lara sicher ist, nichts anders gemacht zu haben. Für gewöhnlich achtet sie sehr genau darauf, zwei gehäufte Löffel des löslichen Pulvers und einen nicht gehäuften Löffel Zucker in ihrem grau-lila gestreiften Kaffeepott zu vermengen. Doch auch dies scheint ihr neuerdings nicht mehr zur ihrer Zufriedenheit zu gelingen. Nach anfänglichem Stirnrunzeln über den unerwarteten Geschmack, schärft der zweite Blick ihre Sinne genug um sie erkennen zu lassen, dass das vertraute Grau einem tristen Weiß gewichen ist. Egal wie sie es dreht und wendet, es ist die falsche Tasse.

Den Kaffee mit beiden Händen fest umklammert, lehnt sie sich seufzend gegen die hölzerne Küchenzeile. Ihr Blick ist gedankenverloren geradeaus gerichtet. Regentropfen hangeln sich eifrig an dem kalten Glas des Fensters hinab. Sie hat das Gefühl, nichts anderes in den letzten Tagen gesehen zu haben und ist sich nicht mal mehr sicher, ob die Sonne vor ihrem Küchenfenster überhaupt noch aufgeht oder ob sich die Fassade vielleicht heimlich in der Nacht abgewandt hat.

Der Alltagstrott lässt glücklicherweise nur wenig Raum, um sich ernsthaft über die wolkenverhangene Wetterlage zu beschweren. Doch jetzt, wo auch noch der misslungene Kaffee hinzukommt, ist sich Lara sicher, von einer echten Pechsträhne verfolgt zu werden.

Wie üblich schellt das Telefon gegen 8:30 Uhr. Wie üblich ignoriert sie den schrillen Ton. Sie weiß, es ist ihr Netzbetreiber, der seit Tagen versucht sie anzurufen, um ihr von aktuellen, tollen und absolut innovativen Angeboten zu berichten, die ihr Leben in jedem Fall immens bereichern würden. Jeden Morgen aufs Neue ist sie wütend über die unmögliche Uhrzeit, zu der das Mobilfunkunternehmen seine ach-so-wertvollen Kunden belästigt. Gleichzeitig fühlt sie sich jedoch außerstande, ihr Desinteresse zu bekunden. In den letzten Monaten hat sie jegliche Interaktion mit anderen Menschen gemieden. Schwer genug sind bereits die täglichen kleinen Small-Talks mit ihren Kollegen. Nun hat sie schon endlich ein eigenes Büro und trotzdem klopft es mehrmals täglich. Und das, obwohl sie die Tür immer geschlossen hält; unter dem Vorwand, vollkommen beschäftigt zu sein.

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