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Carlo

27.01.2018 13:38

Carlo schläft auf einem Parkplatz unter einer Brücke. Bei gutem Wetter bleibt der Asphalt im Schatten der Brückenpfeiler länger kühl, bei schlechtem hält er warm. Ein Rollator, eine Plastiktüte und ein Schlafsack. Mehr hat Carlo nicht. Hier und da ein paar Euro oder im Tausch ein paar Bierflaschen. Sonst nichts. Nur seine Träume. Er träumt sie, wenn er auf Cent-Stücke wartet und oft nur Kopfschütteln und gerümpfte Nasen bekommt. Wäre Ignoranz eine Währung, wäre Carlo schon längst Millionär. Nachts hat Carlo den Parkplatz für sich allein. Am Tag drängeln sich die Firmenfahrzeuge und überbieten sich in Länge, Größe und PS. Kaum ein Mitarbeiter weiß, wer Carlo ist. Einige hätten schon mal einen Penner auf dem Parkplatz rumlungern gesehen, aber seinen Namen kennen sie nicht. Hat er überhaupt einen? Den Penner kennt man im Gebäude. Er blockiere manchmal überdachte Parklücken. Wirklich frustrierend. Dort könnte schließlich ein Mercedes stehen. Stattdessen muss der teure Lack dem Wetter ausgesetzt werden.

Auch an diesem Morgen quietschen allerlei Reifen über den Asphalt und verbreiten bitteren Gummigeruch. Kaum noch überdachte Parkplätze und das ausgerechnet bei diesem kalten, peitschenden Starkregen. Der BMW-Fahrer flucht und umkurvt die dicht gedrängten Luxuskarosserien wie ein Polarfischer die Eisschollen. Dann reißt er das Lenkrad herum und biegt in die ersehnte Lücke zwischen Porsche Cayenne und Audi A6. Ein Rumpeln und Stöhnen, das Auto buckelt wie ein Wildpferd. Er steigt aus, schmettert die Tür zu und läuft besorgt um sein Auto. Gott sei Dank, kein Blechschaden.

Auf meine Nachfrage am Empfang wo Carlo heute sei, erhalte ich nur ein gleichgültiges Schulterzucken. Der Krankenwagen sei heute Morgen dagewesen. Es habe wohl einen Unfall mit dem Wagen vom Chef gegeben, aber der Wagen habe so gut wie nichts abbekommen.